Deutsche Gebärdensprache

Noch in Vorbereitung — von der Sprachgemeinschaft zu befüllen

  • Gebärdensprache

Gemeinsam mit anderen Sprachen

Grammatische Kategorien, die viele Sprachen kennen — hier, wie sie in dieser Sprache aussehen.

  • Einzahl/Mehrzahl
    i
    Gibt an, ob es um eins (Einzahl) oder mehrere (Mehrzahl) geht.
  • Person
    i
    Wer handelt — 1. (ich/wir), 2. (du/ihr) oder 3. Person (er/sie/es/sie).
  • Aspekt
    i
    Wie eine Handlung verläuft (z. B. abgeschlossen vs. andauernd).
  • Steigerung
    i
    Vergleichsstufe des Adjektivs: groß – größer – am größten.

Etwas ergänzen oder korrigieren

Das Besondere an dieser Sprache

Was diese Sprache von anderen unterscheidet.

  • Gebärdensprache
    i
    Eine Gebärdensprache: sie wird mit Händen, Mimik und Bewegung im Raum gebildet, nicht geschrieben.
  • Wortbau
    i
    Bedeutungen werden im Raum vor dem Körper gebildet — Ort und Bewegung tragen Grammatik.

Eine Besonderheit vorschlagen

Sprachprofil — im Detail

Phonologie

Gebärdensprachen haben keine Laut-Phonologie. Was bei gesprochenen Sprachen die Laute leisten, leisten bei der DGS die sublexikalischen formationalen Parameter einer Gebärde — also die Bausteine, aus denen sich eine Gebärde zusammensetzt. Es sind vier manuelle (mit den Händen ausgeführte) Parameter plus die nicht-manuellen Merkmale, und sie laufen nicht nacheinander ab, sondern gleichzeitig.

Die vier manuellen Parameter sind:

- Handform — die Form, die die Hand annimmt (z. B. flache Hand, Faust, Zeigehand). Das Inventar umfasst über 30 distinkte Handformen (`[QUELLE]` IDGS); das vollständige Inventar ist noch zu erfassen (`[WORKSHOP]`). - Ausführungsstelle — der Ort, an dem die Gebärde gebildet wird: neutraler Gebärdenraum, Kopf, Gesicht, Hals, Rumpf oder die schwache Hand. - Bewegung — die Bewegung der Hand: ein Pfad durch den Raum, eine handinterne Bewegung, eine Wiederholung oder eine gerichtete Bewegung. - Handstellung / Orientierung — wohin Handfläche und Fingerspitzen zeigen.

Dazu kommen die nicht-manuellen Merkmale (NMM): Mimik (Augenbrauen, Augen), Kopf- und Körperhaltung sowie der Mundbereich. Diese sind in der DGS nicht bloß Beiwerk, sondern phonologisch und grammatisch bedeutungstragend — die Augenbrauen markieren etwa den Fragetyp, ein Kopfschütteln die Verneinung.

Im Mundbereich sind zwei verschiedene Dinge sauber zu unterscheiden:

- Mundbild (mouthing) — eine lautlose Mundbewegung, die oft das deutsche Lautwort nachzeichnet (ein DGS-Spezifikum, an die Kontaktsprache gebunden, siehe H.6). - Mundgestik (mouth gesture) — eine DGS-eigene Mundbewegung, die nicht aus der Lautsprache stammt. Mundbild und Mundgestik sind strikt getrennt zu behandeln; ob beide eigene Annotations-Felder bekommen, ist als offene Frage vermerkt (`[WORKSHOP]`).

Minimalpaare über genau einen Parameter sind möglich — und in der DGS auch über einen nicht-manuellen Parameter. Belegt ist das Paar BRUDER und SCHWESTER: Beide können dieselbe oder eine nahezu identische manuelle Gebärde tragen und werden allein durch das Mundbild (mouthing „Bruder" vs. „Schwester") unterschieden. Die kontrastive Einheit ist hier also nicht manuell (`[QUELLE]` IDGS).

Ein der Koartikulation gesprochener Sprachen vergleichbarer Effekt ist die Verschleifung: Die Handform einer Gebärde passt sich an die benachbarte Gebärde an (Handform-Assimilation zwischen aufeinanderfolgenden Gebärden) (`[QUELLE]`).

Die DGS hat keine Töne, keine Klicklaute, keine Vokale oder Konsonanten und keine lautliche Betonung — das gesamte laut-zentrierte Inventar ist für diese Modalität schlicht nicht anwendbar.

Schriftsystem

Die DGS hat kein etabliertes Alltags-Schriftsystem. Sie wird nicht im Alltag geschrieben; die Primärquelle jeder Gebärde ist das Video. Alles, was wie „Schrift" aussieht, ist nur ein Hilfsmittel, um über Gebärden zu reden oder sie zu notieren — nie die Gebärde selbst.

Drei Notationssysteme stehen nebeneinander:

- Deutsches Glossing (IDGS-Hamburg-Konvention) — der primäre Text-Proxy. Eine Gebärde wird durch ein deutsches Wort in Großbuchstaben dargestellt, etwa HAUS oder GLÜCKLICH. Räumliche Bezüge werden mit Indizes notiert (z. B. INDEX-1, INDEX-2a, INDEX-3b); ein Beispiel mit gerichteter Bewegung im Raum ist REGEN-3a-RAUS. Wichtig: Die Glosse ist nicht die Bedeutung der Gebärde, sondern nur ein deutsches Etikett für sie. - HamNoSys (Hamburg Notation System) — ein internationaler, symbolbasierter Standard, der die formationalen Parameter notiert; gedacht für Lehramt und Linguistik. - SignWriting — eine kleinere, piktografische Tradition.

Weil die Glossen deutsche Wörter in Großschreibung sind, „leiht" sich eine Sortierung entweder die lateinische Reihenfolge dieses Glossen-Worts oder sie sortiert nach dem Handform-Inventar (formational). Es gibt also zwei parallele Sortier-Achsen — eine semantische über die Glosse und eine formationale über die Handform. Eine konventionelle Buchstaben-Sortierung wie bei geschriebenen Sprachen existiert nicht.

Morphologie

Die DGS bildet grammatische Information simultan und im Raum, nicht durch das Anhängen von Endungen. Person, Numerus und Aspekt werden gleichzeitig über die Nutzung des Gebärdenraums und die Modulation der Bewegung ausgedrückt. Das Schema führt diesen Typ als synthetisch-räumlich; Ausrichtung nominativ-akkusativ (kein Split).

Die wichtigsten Mechanismen:

- Richtungs- / Kongruenzverben (agreement verbs): Diese Verben bewegen sich vom Locus des Subjekts zum Locus des Objekts im Gebärdenraum. Bei GEBEN wandert die Hand vom Ort „ich" zum etablierten Ort der empfangenden Person; eine Umkehr der Bewegungsrichtung bedeutet „mir geben". Daneben gibt es einfache Verben (plain verbs, z. B. „lieben"), die nicht kongruieren, und Raum-/Klassifikatorverben, die eine Klassifikator-Handform tragen. - Klassifikatoren / Proformen: Handformen, die für eine Objektkategorie stehen und in Verb-Konstruktionen die Bewegung oder Lage eines Objekts darstellen. Wichtig: Diese Klassifikatoren sind keine Nominalklassen wie im Bantu, sondern Handform-Proformen — das ist ein anderes Phänomen und darf nicht damit verwechselt werden. Die DGS hat kein grammatisches Geschlecht und keine Nominalklassen. - Reduplikation / räumliche Distribution: Die Mehrzahl entsteht durch Wiederholung der Gebärde oder dadurch, dass sie an verschiedene Orte im Raum gesetzt wird. Substantive haben Einzahl und Mehrzahl, aber keinen Kasus und keinen Artikel.

Die Personalpronomen sind Zeigegebärden (Index): INDEX-1 zeigt auf die eigene Brust („ich"), INDEX-2 auf die angesprochene Person („du"), INDEX-3a / INDEX-3b auf einen zuvor im Raum etablierten Ort („er/sie/es"). Die DGS unterscheidet im Pronomen Numerus, aber weder Kasus noch Genus; ob es eine Inklusiv-/Exklusiv-Unterscheidung gibt, ist offen (`[WORKSHOP]`).

Bei der Wortbildung spielen Vor- und Nachsilben keine Rolle. Stattdessen gibt es zwei belegte Muster: Komposition durch Verschmelzung zweier Gebärden mit Verschleifung — etwa BRUDER als Kompositum vom Typ „Eltern + Junge" (`[QUELLE]`) — und Ableitung durch Bewegungsreduktion, bei der ein Verb durch eine kleinere, wiederholte Bewegung zum Nomen wird, etwa SITZEN (Verb) → STUHL (Nomen) (`[QUELLE]`).

Eine Besonderheit der Modalität: Die produktive Klassifikator-Konstruktion ist kein festes Lexem, sondern wird im Moment des Gebärdens aus Handform und Raumweg neu zusammengesetzt — etwa AUTO-FÄHRT-BERGAUF aus einem Fahrzeug-Klassifikator (Handform) plus einem Bewegungspfad bergauf. Ob solche Konstruktionen als produktive Konstruktion oder als Lexem erfasst werden, ist eine offene Modellierungsfrage (`[WORKSHOP]`).

Syntax & Variation

Der Satzbau der DGS folgt tendenziell der Struktur Topik–Kommentar: Zuerst wird das Thema „aufgemacht" (worüber gesprochen wird), dann folgt die Aussage dazu; Zeitangaben stehen oft am Satzanfang. Eigenschaftswörter stehen tendenziell nach dem Substantiv (`[QUELLE]`). Statt Verhältniswörtern (Adpositionen) nutzt die DGS den Gebärdenraum: Wo ein Bezugswort im Raum „gesetzt" wurde, lässt sich später durch Zeigen oder durch die Bewegungsrichtung eines Verbs darauf zurückkommen.

Die Nutzung des Gebärdenraums für Referenz ist dabei zentral. Einmal etablierte Orte (Loci) stehen stellvertretend für Personen oder Dinge; Pronomen, Kongruenzverben und Körperverlagerungen (für Rollenwechsel) greifen auf sie zurück. Weil ein Subjekt so über Raum und Kontext bereits festgelegt ist, kann es weggelassen werden (Subjekt-Pro-Drop).

Fragen und Verneinung laufen in der DGS primär nicht-manuell und simultan zur manuellen Gebärde — das ist ein Kernmerkmal der Modalität:

- Bei der Frage zeigen die Augenbrauen den Fragetyp an: hochgezogen bei einer Entscheidungsfrage, gesenkt bei einer W-Frage; ein W-Gebärden-Zeichen kann zusätzlich am Satzende stehen. - Bei der Verneinung läuft ein Kopfschütteln simultan zur verneinten Konstituente; zusätzlich kann eine Negationsgebärde NICHT auftreten.

Das Mundbild ist an die Kontaktsprache Deutsch gebunden: Es zeichnet oft das deutsche Lautwort nach und ist dadurch sprach- und regionsabhängig (zur Trennung von der DGS-eigenen Mundgestik siehe H.3).

Bei der Variation ist vor allem eine regionale Achse belegt: eine norddeutsche Varietät (oft als Plattform-Default gesetzt) und eine süddeutsche/bayerische Varietät. Der Unterschied liegt überwiegend im Lexikon — also in anderen Gebärden für dasselbe Konzept — und weniger in den sublexikalischen Parametern. Die DGS ist in diesem Sinne einsprachenzentriert (monozentrisch); ein pluralistisches Standard-System mit Varianten-Umschaltung (wie de-DE/AT/CH) betrifft sie nicht.

Politisch und kulturell sensible Bereiche, die der Reviewer-Pool / die Community gesondert behandelt: die gehörlose Eigensicht (Deaf-Kultur als sprachlich-kulturelle Minderheit) gegenüber der medizinisch-defizitären Sicht (Audismus); der Begriff „taubstumm", der abgelehnt ist (etabliert: „gehörlos", korrekt von „schwerhörig" zu unterscheiden); die Kontroverse um das Cochlea-Implantat; und die Abgrenzung der DGS von den lautsprachbegleitenden Gebärden (LBG), die ein Hörenden-Hilfssystem und keine eigenständige Sprache sind. Konkrete Einordnungen und der strikt DGS-pure Plattform-Inhalt: `[WORKSHOP]` (DGB-Hoheit).

Wie diese Sprache gelernt wird

Didaktische Schwerpunkte — wie Lesen und Schreiben in dieser Sprache vermittelt werden.

Didaktische Prioritäten

  • Kern-Lerngegenstände: Aufbau einer Gebärde aus den sublexikalischen Parametern (Handform, Ort, Bewegung, Orientierung); NMM-Training mit der scharfen Trennung Mundbild ≠ Mundgestik; Klassifikator-Konstruktionen.
  • Chunks/Mehrwort-Bausteine: feste Wendungen, Satz-Starter und Klassifikator-Konstruktionen (z. B. AUTO-FÄHRT-BERGAUF) als produktive Bausteine.
  • Beobachtete Fehlermuster (Tracking-Ziele): „Mundbild vergessen", „falscher Locus", „LBG-Hybrid".
  • Medien-Priorität: Video ist Pflicht-Primärmedium (Audio ist `false`/n/a); verlangsamte Video-Variante als Lernhilfe; Sprecher-Varietät (Nord/Süd/Bayern/Berlin) als Metadatum.
  • Aggregationsebene des Lernstands: Lemma (nicht Einzelform); Default-Wiederholungsalgorithmus `sm2` (auch `leitner` möglich).
  • Inklusionsaspekte, weitere Übungsmodi: `[LÜCKE]` / `[WORKSHOP]`

Mitmachen — mit Expert:innen ins Gespräch

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Steckbrief

ISO 639-3
gsg
BCP 47
gsg-DE
Schrift
Zxxx
Schreibrichtung
links nach rechts
Modalität
Gebärdensprache

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